BEGABUNG & CO
Sabine Hoogen
Begabungspsychologische Beratung
Hochbegabung & Potenzialentwicklung
"Wo ist die Sonne, wenn der Mond da ist?"
2-jähriges Kind

Begabung: Konzepte,
Modelle und Einordnung
Das theoretische Konstrukt der Begabung wird in der Wissenschaft kontrovers diskutiert, wobei die Abgrenzung von Talent zu Begabung sowie die möglichen Begabungsdimensionen (z. B. Intellekt, Kreativität, Motorik etc.) eine große Rolle spielen.
Verschiedene Begabungsmodelle beschreiben komplexe Zusammenhänge innerhalb des Konstrukts Begabung mit unterschiedlichen Schwerpunkten und in verschiedenen Differenzierungsgraden – unter anderem das Drei Ringe Modell (Renzulli, 1978, 2016), das Triadische Interdependenzmodell (Mönks et al., 1986), die Theorie der multiplen Intelligenzen (Gardner, 1983), das Differenzierte Begabungs- und Talentmodell (Gagné, 1993), das Münchner (Hoch-)Begabungsmodell (Heller, Perleth & Hany, 1994), das Integrative Begabungsmodell (Fischer, 2006, 2008), das Integrative Begabungs- und Lernkompetenzmodell (Fischer, 2015), das Aktiotopmodell (Ziegler, 2005) und das Ökologische Begabungsmodell (Müller-Oppliger, 2014).
In jedem Fall kann Begabung als Fähigkeitspotenzial betrachtet werden, das unter bestimmten Umgebungsbedingungen über Leistung sichtbar wird.
Intellektuelle Hochbegabung wird als weit überdurchschnittliches kognitives Fähigkeitspotenzial im Vergleich zur Altersgruppe definiert und hat viele Gesichter.
Deshalb können Hochbegabte bereits in der Kindheit leicht übersehen werden – oft mit gravierenden Auswirkungen auf ihr Selbstkonzept, ihre Motivation und individuelle Lebenszufriedenheit sowie in Folge davon auf die Leistung und den weiteren Lebensweg. Insbesondere anhaltende Unterforderung kann je nach Persönlichkeit und Umgebung eine Spirale verschiedener negativer Entwicklungen nach sich ziehen – vom völligen Rückzug ins Innere über die Entwicklung zum Klassenclown bis hin zu Schulverweigerung, psychosomatischen Beeinträchtigungen oder Depressionen.

"Das hat so viel Spaß gemacht. Wann darf ich wiederkommen? Am Sonntag?"
6-jähriges Kind gleich nach der Testung
Die Durchführung einer Intelligenztestung ist spätestens angebracht, wenn entsprechende Fragestellungen auftauchen oder Entscheidungen anstehen, um betroffene Menschen bestmöglich unterstützen und fördern zu können. Mögliche Anlaufstellen sind die zuständigen Schulpsychologinnen und Schulpsychologen, Staatliche Schulberatungsstellen oder Begabungspsychologische Beratungsstellen der Universitäten.
Von intellektueller Hochbegabung ist ab einem Intelligenzquotienten IQ ≥ 130 die Rede. Dies kann von Bedeutung für die Aufnahme in spezifische Förderprogramme oder Vereine sein. Es ist jedoch wichtig zu wissen, dass mit Hochbegabung zusammenhängende Besonderheiten im Erleben und Verhalten nicht erst punktgenau mit Erreichen dieses bei der Entwicklung der IQ-Tests ursprünglich willkürlich gewählten Cut-Off-Wertes von 130 auftreten. Der durchschnittliche IQ liegt bei 100 – ab einem IQ-Wert von 115 liegt bereits eine überdurchschnittliche Begabung vor.
Auch zusammen mit einer überdurchschnittlichen oder weit überdurchschnittlichen intellektuellen Begabung können besondere Dispositionen vorkommen, wie z. B. ADHS / ADS, Legasthenie oder eine Autismus-Spektrum-Störung. Dies wird als twice exceptional (doppelt außergewöhnlich) bezeichnet und kann dazu führen, dass zum einen die besondere Begabung nicht so leicht erkannt wird und zum anderen durch die vorliegende Begabung die gleichzeitig vorhandenen Besonderheiten länger kompensiert und deshalb auch erst später diagnostiziert werden. Um einen Menschen in allen Bereichen mit geeigneten Maßnahmen fördern zu können, ist es jedoch wichtig, nicht nur alle Besonderheiten zu erkennen, sondern diese auch in Kombination mit der hohen Begabung zu betrachten und sowohl bei schulischen Entscheidungen als auch in Therapie und Alltag entsprechend zu agieren.
Andererseits kommt es auch zu Fehldiagnosen bei Hochbegabung, da beispielsweise eine länger andauernde fehlende Passung im Unterricht zu Verhalten führen kann, das große Ähnlichkeit mit ADHS-Symptomen hat, wie Impulsivität, motorische Unruhe etc. Tatsächlich ist das als problematisch erlebte Verhalten dann allerdings eine Folge des Misfits und nicht Folge einer Verhaltensstörung. Das kann bisweilen auch für Diagnosen bei Hochbegabten gelten, deren zentrales Element Wut ist, da Wut als Reaktion auf eine Verletzung oder Kränkung betrachtet werden kann, die ein Kind auch in diesen Fällen unbewusst durch die fehlende Passung erleben kann. Diesbezügliche Diagnosen können sein: Störung mit oppositionellem Trotzverhalten, Störung des Sozialverhaltens, intermittierende explosible Störung, nicht näher bezeichnete Störung der Impulskontrolle oder eine narzistische Persönlichkeitsstörung. Auch diagnostizierte Angst- und Zwangsstörungen, das Asperger-Syndrom, Schizoide Persönlichkeitsstörungen und Bipolare Störungen können sich bei Hochbegabten als Fehldiagnosen herausstellen (Webb, 2015).
Insgesamt gilt: Intelligenz ist ein wichtiger Aspekt der Persönlichkeit, jedoch nicht alles! Außenwirkung und Empfinden eines Menschen sowie seine Umsetzungsmöglichkeiten von Potenzial in Leistung hängen auch von der Ausprägung anderer Persönlichkeitsfaktoren und ihrer Wechselwirkungen mit Emotionen, Motivation und Umgebungsbedingungen ab.
Wenn Sie sich oder Ihre Familie in diesen Beschreibungen wiederfinden und Fragen zu Ihrer Situation haben, begleite ich Sie im Rahmen einer Begabtenförderung gerne dabei, diese einzuordnen und passende Wege zu entwickeln.
Literatur:
Fischer, C. (2006). Lernstrategien in der Begabtenförderung. Eine empirische Untersuchung zu Strategien Selbstgesteuerten Lernens in der individuellen Begabungsförderung. (Habilitationsschrift). Münster.
Fischer, C. (2008). Lernstrategien in der Begabtenförderung. Strategien selbstgesteuerten Lernens in der individuellen Förderung besonders begabter Kinder. news & science. Begabtenförderung und Begabungsforschung. ÖZBF, 19(2), 31–34.
Fischer, C. (2015) Potenzialorientierter Umgang mit Vielfalt. Individuelle Förderung im Kontext Inklusiver Bildung. In C. Fischer (Hrsg.), (Keine) Angst vor Inklusion. Herausforderungen und Chancen gemeinsamen Lernens in der Schule (21–37). Waxmann.
Gagné, F. (1993). Giftedness and talent. Reexamining a reexamination of the definitions. In K. A. Heller, F.-J. Mönks, R. J. Sternberg & R. F. Subotnik (Hrsg.), International handbook of research and development of giftedness and talent (69–87). Pergamon.
Gagné, F. (2008). The differentiated model of giftedness and talent / DMGT. In J. S. Renzulli, E. J. Gubbind, K. McMillen, R. D. Eckert & C. A. Little (Hrsg.), Systems and models for developing programs for the gifted and talented (2. Aufl., 165–192). Prufrock Press.
Gardner, H. (1983). Frames of mind. Basic Books.
Heller, K. A., Perleth, C. & Hany, E. A. (1994). Hochbegabung – ein lange Zeit vernachlässigtes Forschungsthema. Einsichten – Forschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München. (1), 18–22.
Mönks, F.-J., Boxtel, H., W., van, Roelofs, J. J. W. & Sanders, M. P. M. (1986). The Identification of Gifted Children in Secondary Education and a Description of their Situation. In K. A. Heller & J . Feldhusen (Hrsg.), Identifying and Nurturing The Gifted. (39—65). Verlag Hans Huber.
Müller-Oppliger, V. (2014). Paradigmenwechsel zu einem ökologischen Begabungsmodell. In G. Weigand, V. Müller-Oppliger, A. Hackl, G. Schmid (Hrsg.), Personorientierte Begabungsförderung. Eine Einführung in Theorie und Praxis (68–77). Beltz.
Müller-Oppliger, V. & Weigand, G. (Hrsg.). (2021). Handbuch Begabung. Beltz.
Preckel, F. & Vock, M. (2013). Hochbegabung: Ein Lehrbuch zu Grundlagen, Diagnostik und Fördermöglichkeiten. Hogrefe.
Renzulli, J. S. (1978). What makes giftedness: A reexamination of the definition of the gifted and talented. Phi Delta Kappan 60(3), 180–184.
Renzulli, J. S. (2016). The three-ring conception of giftedness: A developmental model for promoting creative productivity. In S. M. Reis (Hrsg.), Reflections on gifted education (55–86). Prufrock Press.
Webb, J. T. (2015). Doppeldiagnosen und Fehldiagnosen bei Hochbegabung. Verlag Hans Huber.
Ziegler, A. (2005). The actioptope model of giftedness. In R. J. Sternberg, J. E. Davidson (Hrsg.), Conceptions of Giftedness (2. Aufl., 411–436). Cambridge University Press.
Sabine Hoogen
M.A. | B.Sc. Psychologie | ECHA-Coach
Begabungspsychologische Beratung
Hochbegabung & Potenzialentwicklung
in München & Umgebung sowie online
info(at)sabinehoogen.de
www.sabinehoogen.de

Begabungen verstehen.
Entwicklung fördern.
Lebenswege gestalten.
